Irakkrieg: US-Marken fürchten Boykotte

Während im Irak die Bomben fliegen, befürchten amerikanische Wirtschaftsfachleute und Franchise-Experten das Schlimmste für die US-Ökonomie. Vor allem für "uramerikanische" Traditionsmarken wie Coca-Cola, McDonald's, Kentucky Fried Chicken (KFC) oder Starbucks scheinen die Folgen des militärischen Konflikts am Golf kaum kalkulierbar.

Boykott-Listen
In aller Welt rufen derzeit Friedensaktivisten bei Protestmärschen zum Boykott von US-Erzeugnissen auf. In Europa und Japan kursieren Listen, die vor dem Kauf amerikanischer Produkte von Ford über Nike bis Marlboro warnen. Restaurants und Kneipen verbannen amerikanische Speisen und Getränke von ihren Menüs und Getränkekarten. In Thailand sollen US-Touristen sogar von Strandressorts abgewiesen worden sein. Und auch im Internet wimmelt es in Weblogs oder Alternativ-Newssites wie Indymedia.org inzwischen von Boykottaufrufen.

Sogar Übergriffe
Der Irak-Krieg droht damit zu einem Desaster für US-Firmen und vor allem -Marken zu werden - und das natürlich besonders auch im Mittleren Osten, wo es vielfach nicht beim Konsumverzicht bleibt. Vielmehr ist es bereits zu gezielten Übergriffen auf Ableger amerikanischer Unternehmen gekommen, so etwa auf die Schnellrestaurantketten KFC und McDonald's. Zuletzt waren zwei saudi-arabische McDonald's-Filialen in Dammam und Al-Kharj Ziel von Anschlägen geworden. In beiden Fällen wurden Brandbomben in die Restaurants geworfen. Mehrfach ist es bereits auch schon zu Attentaten auf KFC-Filialen in Pakistan, Ägypten, Libyen und im Libanon gekommen.

Desaster für Franchise-Wirtschaft
Als Indikator dafür, wie stark die US-Geschäfte derzeit im Mittleren Osten in Mitleidenschaft gezogen werden, dient insbesondere auch die Franchise-Wirtschaft. Branchenfachleuten zufolge plagen amerikanische Lizenzketten mächtige Image-Probleme in der Region. Vertretern der britischen Beratungsfirma Franchise Development Services zufolge investiert momentan praktisch kein Unternehmen in amerikanische Franchise-Lizenzen. Dass sich diese Problematik mit jedem Kriegstag verschärft, demonstriert auch die Absage einer für April in Riad anberaumten Konferenz, auf der amerikanische und kanadische Unternehmen neue Franchise-Nehmer anwerben wollten. Eine vergleichbare und ebenfalls für April geplante Veranstaltung in Kairo ist vorerst auf September verschoben worden.

"McArabia" gegen das Image-Defizit

Der ohnehin finanziell angeschlagene Fast-Food-Branchenprimus McDonald's, der jüngst erstmals in seiner 30-jährigen Firmengeschichte Verluste berichten musste, versucht derweil mit Werbekampagnen und kulinarischen Neukreationen wie dem Anfang des Monats im Mittleren Osten eingeführten "McArabia" gegenzusteuern. Auf dem Fladenbrot-Hühnchen-Burger liegt derzeit auch der Marketing-Fokus lokaler McDonald's-Ableger, die außerdem massiv bemüht sind, in Anzeigen darüber aufzuklären, dass ihre McDonald's-Filialen als Franchise-Firmen von heimischen Unternehmern betrieben und Zulieferern versorgt werden.

"Nicht aus politischen Motiven"

McDonald's-Vertreter beteuern jedoch, dass weder die Aufklärungskampagnen noch die Einführung des "McArabia" aus politischen Motiven erfolgte. Der Start des Chicken-Burgers sei vielmehr schon seit mehr als zwei Jahren geplant und man wolle damit lediglich lokale Geschmäcker ansprechen. Im Jahr 2001 hatte sich der Hamburger-Grösus schon in Ägypten an einem "McFalafel" versucht, um Boykotten der Marke entgegenzuwirken - allerdings vergebens: Der Falafel-Snack fand kaum Zuspruch und wurde rasch wieder vom Speiseplan verbannt.

Probleme auch in Europa
Aber auch für Europa erwarten Experten im Zuge des sich immer weiter zuspitzenden Kriegs am Golf Probleme für Franchise-Nehmer amerikanischer Ketten. Ein erstes Zeichen dafür scheint aus der Schweiz zu kommen: Jüngst verkaufte die Bon Appétit Group, Betreiber von 21 Starbucks-Kaffeehäusern in der Schweiz und Österreich, seine Europa-Filialen der US-Cafékette nach nur zwei Jahren an das Mutterunternehmen in Seattle zurück. Auch wenn Firmensprecher einen Zusammenhang zwischen dem Verkauf und der Irak-Krise bestreiten, spekulierten Schweizer Medien darüber, dass der damit einhergehende Anti-Amerikanismus für diesen Rückzug mitverantwortlich sein dürfte.

Anti-Imitate florieren
Gleichzeitig versuchen immer mehr Unternehmen, mit Protest-Imitaten von US-Marken - insbesondere Getränken - Kasse zu machen. Die Ende vergangenen Jahres lancierte Koffein-Brause "Mecca Cola" sollte dabei nur den Anfang markieren. Inzwischen sind mit "Muslim Up" und der "Arab Cola" zwei weitere Coca-Cola-Imitate auf dem französischen Markt gestartet. "Muslim Up" wirbt sogar offen damit, "all denjenigen eine Alternative zu bieten, die zionistische Produkte und große amerikanische Marken boykottieren möchten".

Zamzam Cola
In Saudi-Arabien verkauft sich Medienberichten zufolge momentan auch der iranische Alternativ-Soft-Drink "Zamzam Cola" blendend, der vergangenes Jahr im Zuge einer nationalen Boykott-Kampagne gegen US-Güter im Ölstaat eingeführt wurde.

Keine Klagen von französischen Unternehmen
Im Gegenzug klagen französische Unternehmen bislang kaum über erwähnenswerte Verluste aufgrund von amerikanischen Boykottaktionen gegen ihre Produkte, die vor wenigen Wochen in den USA für einigen Medienrummel sorgten. Der Spirituosenriese Pernod Ricard etwa berichtet ebenso wenige Umsatzeinbrüche wie in US-Metropolen ansässige französische Restaurants oder Bars. "Der Boykott französischer Waren ist nur ein ganz vereinzeltes Phänomen und nichts Organisiertes", will auch "The Morning Cup", ein Online-Branchendienst zu Trends in der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie, wissen.

Anders bei US-Produkten
Angesichts der weltweiten Proteste gegen den Irak-Krieg und gezielten Aufrufen zum kollektiven Verzicht auf US-Produkte kann man das dagegen vom Konsumboykott amerikanischer Marken nicht behaupten.

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